Aus 24 Interviews mit Schweizer Verwaltungsräten: Ein Muster, das sich durch alle Branchen zieht, und drei Fragen, die Abhilfe schaffen.
In den letzten Monaten habe ich mit bislang 24 Verwaltungsräten gesprochen, Männer und Frauen mit zusammen über 75 aktiven Mandaten, aus 15 Branchen, von der Grossbank bis zum Familienunternehmen. Eine Frage zog sich durch fast alle Gespräche: Wie kommt KI eigentlich auf die Tagesordnung des VR? Die häufigste Antwort, in unterschiedlichen Worten: Gar nicht so richtig. Das Thema ist präsent, aber nicht verankert.
Dieses Muster nenne ich das fehlende Traktandum.
Das fehlende Traktandum
KI taucht in vielen VR-Sitzungen auf, aber selten als eigenständiges Traktandum. Sie wird gestreift, wenn die Geschäftsleitung über Effizienzprojekte berichtet. Sie wird im Risikobericht erwähnt, aber selten in spezifischen Kategorien aufgeschlüsselt. Doch als Traktandum, mit Entscheidungspunkt, Vorlage, Beschluss, Protokoll? Eher selten.
Einer der von mir Befragten, VR in mehreren börsenkotierten Unternehmen, beschrieb es so: KI sei in jedem Meeting ein Thema, aber sie habe sich noch nicht richtig einkalibriert, sie sei noch etwas im Fluss. Eine andere Verwaltungsrätin, mit Mandaten in Schweizer und deutschen Gremien, sagte ungefragt: Die Verwaltungsräte kriegen wie den Fuss nicht in die Tür rein.
Das Auffällige daran: Diese VR-Mitglieder lehnen das Thema nicht ab. Sie sind interessiert, viele sogar persönlich begeistert. Aber zwischen Interesse und Traktandum klafft eine Lücke, und genau diese Lücke kostet Governancesubstanz.
Ein VR-Präsident hat mir die Mechanik dahinter erklärt. Im Verwaltungsrat, sagte er, ist ein Thema erst dann wirklich real, wenn es als Vorlage auf dem Tisch liegt. Es gibt keinen informellen Zwischenraum, in dem etwas leise reifen kann. Aber sobald ein Thema traktandiert ist, wird es zur Priorität, denn alles, was im VR traktandiert ist, ist eine Priorität. Und so steht ein umsichtiger Präsident vor einer Wahl: Setzt er KI formell auf die Agenda, hebt er das Thema unter Umständen über andere, bevor es so weit ist. Setzt er es nicht, bleibt es unsichtbar. Viele lösen das, indem sie das Thema bewusst klein halten, bis es reif ist. Das ist nachvollziehbar. Und es ist genau der Mechanismus, der das fehlende Traktandum erzeugt.
Denn was nicht traktandiert wird, wird nicht entschieden. Was nicht entschieden wird, läuft im Tagesgeschäft. Und was im Tagesgeschäft läuft, ist per Definition nicht mehr VR-Sache, sondern GL-Sache. Die Folge: KI-relevante Entscheidungen werden getroffen, ohne dass sich der VR je explizit damit befasst hat. Über Vendor-Lock-in. Über die Frage, ob in VR-Vorlagen offengelegt wird, wenn sie mit KI-Unterstützung erstellt wurden. Über die Frage, welche KI-Risiken überhaupt in spezifischen Kategorien überwacht werden. Und letztlich: über die KI-Strategie des Unternehmens, die sich aus dem Tagesgeschäft heraus formt, statt vom Verwaltungsrat geführt zu werden.
Nicht Wissen, sondern Fragen
Warum landet das Thema nicht? Die naheliegende Antwort wäre: Weil die VR-Mitglieder zu wenig von KI verstehen. Diese Erklärung kommt in der Literatur prominent vor, sie ist nicht falsch. Aber sie ist meines Erachtens unvollständig.
Was die Interviews zeigen, ist subtiler. Wer die richtigen Fragen nicht kennt, kann auch nicht entscheiden, ob das, was die Geschäftsleitung berichtet, hinreichend ist. Ein erfahrener VR sagte mir, auf die direkte Frage, ob sein Gremium gut genug ausgerüstet sei, um die kritischen Fragen zu stellen: Ich sage nein, das sind wir noch nicht, wir sind auf dem Weg. Ein anderer, mit Erfahrung im Aufbau von Governance-Frameworks, formulierte es so: Die Verwaltungsräte wollten die richtigen Fragen stellen, er wisse aber nicht, ob sie wüssten, was die richtigen Fragen seien.
Das ist nicht das gleiche wie fehlende KI-Kompetenz. Ein VR muss nicht verstehen, wie ein Large Language Model trainiert wird, um zu entscheiden, ob es eingesetzt werden soll. Er muss verstehen, welche Frage er der Geschäftsleitung stellen sollte, um aus deren Antwort eine Beurteilung ableiten zu können. Das sind zwei sehr unterschiedliche Kompetenzen, mit sehr unterschiedlichem Aufwand für den Erwerb.
Solange das Frage-Repertoire fehlt, geschieht das, was eigentlich nicht geschehen sollte: Der VR delegiert, oft ohne es zu merken. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil er gar nicht weiss, wo er einhaken könnte.
Hier liegt eine Spannung, die mir mehrfach begegnet ist. KI kann den Verwaltungsrat tatsächlich stärken: Wer sie selbst nutzt, kommt auf schärfere Fragen, ordnet Vorlagen besser ein, prüft Annahmen schneller. Mehrere Befragte haben mir das bestätigt. Aber dieser Nutzen hat eine Voraussetzung. Um KI sinnvoll einzusetzen, braucht es ein Mindestmass an eigener Vertrautheit mit dem Werkzeug: genug, um brauchbar zu fragen, und genug, um eine gute Antwort von einer bloss plausiblen zu unterscheiden.
Genau dieses Mindestmass fehlt vielen. Ein erfahrener Verwaltungsrat aus dem Finanzsektor hat es mir klar gesagt: Quer durch die Schweizer Verwaltungsräte seien die Kompetenzen im Umgang mit Technologierisiken im Schnitt nicht stark ausgeprägt, und es gebe eine relativ grosse Gruppe, die sich das Thema nie richtig überlegt habe und einfach mitlaufe.
KI ist ein Hebel, aber man braucht einen Stand, von dem aus man ihn bewegt. Und hier liegt die unbequeme Wahrheit aus meinen Gesprächen: Für die Mehrheit der Verwaltungsräte wächst die Informationsasymmetrie gegenüber der eigenen Geschäftsleitung, sie schrumpft nicht. Nicht weil diese Verwaltungsräte es nicht könnten, sondern weil das Rüstzeug fehlt und niemand es ihnen in die Hand gibt. Das Werkzeug, das die Lücke schliessen sollte, vergrössert sie, solange das Rüstzeug fehlt.
Was am Montag in der nächsten Sitzung helfen würde
Wenn meine Beobachtung stimmt, dass das fehlende Traktandum kein KI-Wissensproblem ist, sondern ein Frage-Problem, dann sind drei konkrete Fragen ein guter Anfang.
Frage eins: Wo nutzt unsere Geschäftsleitung KI bereits operativ, und wer entscheidet über den Einsatz? Diese Frage ist nicht banal. In den Interviews wurde mir mehrfach geschildert, dass selbst VRs grosser Unternehmen kein vollständiges Bild davon hatten, wo im eigenen Haus KI bereits eingesetzt wird, geschweige denn, wer in welchem Fall entscheidet. Eine Bestandsaufnahme ist Voraussetzung für jede Governancediskussion.
Frage zwei: Wie ist unsere Organisation rund um KI aufgestellt, zentral, dezentral oder hybrid, und wo verläuft die Entscheidungsgrenze zwischen Verwaltungsrat und Geschäftsleitung? Diese Frage wurde in den Interviews wiederholt als zentral beschrieben, von manchen sogar als der eigentliche Kern der Governancearbeit im Umgang mit KI. Sie zwingt dazu, die Delegationsgrenze explizit zu machen, statt sie implizit zu lassen. Und eine implizite Grenze ist genau das, was das fehlende Traktandum erst möglich macht.
Frage drei: Was bringt uns die Geschäftsleitung beim Thema KI nicht, welche Chancen, welche Projekte, welche Risiken sehen wir gar nicht, weil sie nie auf einer Vorlage stehen? Ein VR-Präsident hat es mir so beschrieben: Was er als Verwaltungsrat nicht sehe, sei das, was gar nicht erst gemacht oder vorgelegt werde. Der VR kann nur prüfen, was vor ihm liegt. Diese Frage soll den Blick auf das lenken, was die anderen beiden Fragen nicht erreichen.
Diese drei Fragen ersetzen kein Frage-Framework. Aber sie öffnen das Gespräch, und sie sorgen dafür, dass KI das nächste Mal nicht durchs Raster fällt, sondern auf der Traktandenliste landet. Mit Entscheidungspunkt, Vorlage, Beschluss, Protokoll.
Genau dort, wo sie hingehört.
Über den Autor
Matthias Leybold ist Gründer von Aspireon in Zürich, zuvor Analytics & AI Lead Partner Switzerland bei PwC. Er führt eine empirische Forschungsstudie zu KI-Governance in Verwaltungsräten durch, gemeinsam mit Prof. José Parra Moyano von der IMD Business School.
Weiterführend: Die laufende Forschung und ihre Ergebnisse auf www.aspireon.com. Für eine kurze persönliche Standortbestimmung steht das Aspireon Board AI Governance Readiness Assessment kostenlos zur Verfügung.
Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog des SwissBoardForum, der führenden Plattform für Verwaltungsräte in der Schweiz.
Transparenzhinweis
KI-Deklaration: Stufe 2. Für Strukturierung und Ideensammlung wurden KI-Tools genutzt, die Ausarbeitung erfolgte redaktionell.
Disclaimer
Dieser Artikel ist Teil der Reihe "Network Briefs", Reflexionen und Impulse von Mitgliedern des SwissBoardForum». Die Inhalte geben die persönliche Meinung der Autorin oder des Autors wieder und entsprechen nicht zwingend der Position des SwissBoardForum. Ziel ist es, aktuelle Fragen aus der Praxis von Verwaltungsräten aufzugreifen und unterschiedliche Perspektiven aus dem Netzwerk sichtbar zu machen: persönlich, relevant und anregend für die Mandatsarbeit. Die französische Version dieses Artikels wurde mithilfe eines Tools der künstlichen Intelligenz erstellt. Der Originaltext wurde auf Deutsch verfasst. Bei Abweichungen in der Auslegung ist die deutsche Originalfassung massgebend